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Der Darm als Hormonlieferant

Veröffentlicht am 28. Mai 2010 von Adipositas Stiftung

cedbDie Entdeckung des Darms als “Hormonfabrik” ist ein aufregender neuer Forschungsfokus, der bahnbrechende Verbesserungen bei der Therapie von Krankheitsbildern wie Diabetes oder Adipositas verspricht.

Vergessen sind die Zeiten, als man den Darm als eine rein passive Transitzone für Verdauung und Ausscheidung betrachtete. Denn Gastroenterologen und Pharmakologen werden zunehmend auf das therapeutische Potenzial der Darmhormone sowie deren Rolle bei der Entstehung von Krankheiten aufmerksam. „Durch die Nutzung dieser biochemischen Mechanismen erschließt sich ein neuer Horizont für die pharmakologische und chirurgische Behandlung, auch wenn die Grundlagenforschung noch längst nicht abgeschlossen ist,“ erklärt der UEGF-Experte Professor Gareth Sanger (Queen Mary University of London) im Namen der European Society of Neurogastroenterology and Motility (ESNM). Als größtes endokrines Organ des Körpers setzt der Magen-Darm-Trakt eine Reihe unterschiedlicher Hormone frei. Diese regeln Nahrungsaufnahme und -verwertung im Magen-Darm-Trakt und verteidigen den Körper gegen schlechte Nahrungsgewohnheiten. Ein ganzes Spektrum an unterschiedlichen Magen- und Darmhormonen erfüllt vielfältige Aufgaben: von der Appetitanregung und -zügelung über die Freisetzung von Insulin bis hin zur Regulierung der Magen-Darm-Peristaltik, wobei die Entleerung des Magens beschleunigt oder gebremst werden kann.

Darmhormone gegen Diabetes

Bestimmte gastrointestinale Hormone, welche die Magenentleerung verlangsamen und den Appetit zügeln, können sogar Übelkeit verursachen. Auf diese Weise fungieren sie als physiologischer Modulator der Verdauungsgeschwindigkeit und als Abwehrmechanismus gegen eine ungeeignete oder “schlechte” Zusammenstellung der Nahrung. Eine Rolle bei diesem Prozess könnten auch “Geschmacksrezeptoren” im Darm spielen. Es ist noch unklar, auf welche Weise gastrointestinale Hormone im Einzelnen zur Entstehung von Symptomen wie Blähungen und Übelkeit beitragen. “Es scheint jedoch, dass Magen-Bypass-Operationen – bei denen die von übergewichtigen Patienten aufgenommene Nahrung sowohl Magen als auch Zwölffingerdarm umgeht – nicht nur Gewichtverlust zur Folge hat, sondern auch den Bedarf an antidiabetischen Medikationen bei adipösen Patienten mit Typ-II-Diabetes bemerkenswert reduziert; letztere Veränderung kann sogar noch vor Einsetzen des Gewichtsverlusts auftreten”, erklärt Professor Sanger. Welche Mechanismen zur Verbesserung von Diabetes beitragen, ist noch unklar; es wurden verschiedene Hypothesen dazu aufgestellt. Zurzeit untersuchen Studien in Schweden, welche langfristigen Veränderungen bei der Freisetzung von gastrointestinalen Hormonen jeweils mit den verschiedenen magenchirurgischen Interventionen (Magenband oder Magenbypass) einhergehen, um mögliche Mechanismen für Gewichtsverlust und Diabetesverbesserung zu isolieren.

Hoffnung auf neue Arzneimittel

Dank der wachsenden Kenntnisse über die umfangreichen endokrinen Ressourcen des Darms wird diesem Organ zunehmend eine zentrale Rolle bei der Nahrungsaufnahme eingeräumt. Diese neuen Erkenntnisse bedeuten einen Schub für die Entwicklung neuer Arzneimittel zur Behandlung von gastrointestinalen Störungen. Im Rahmen klinischer Studien werden beispielsweise Substanzen untersucht, welche die Funktionen der Hormone Ghrelin und Motilin nachahmen. Es wird geprüft, ob diese bei Hunger im Darm freigesetzten Hormone zur Behandlung von Störungen eingesetzt werden können, die mit verzögerter Magenleerung assoziiert sind. Langsame Magenentleerung (Gastroparese) kann bei Diabetespatienten auftreten und Symptome wie Übelkeit und vorzeitige Sättigungsgefühle auslösen. Es ist auch wichtig, die Magenentleerung bei Patienten zu stimulieren, die im Rahmen der Intensivpflege eine enterale Ernährung erhalten, um eine sichere Nahrungsaufnahme zu gewährleisten. Wie Professor Sanger erläutert, untersucht sein eigenes britisches Forschungslabor gerade, auf welche Weise humaner Magen, der bei normalen chirurgischen Eingriffen entfernt wurde, zur Modellierung der stimulierenden Wirkungen von Motilin auf die Magenperistaltik eingesetzt werden kann. Dieses Modell könnte dann auch dazu dienen, die Auswirkung neuer Arzneimittel und anderer Hormone auf die gastrointestinalen Funktionen des Menschen zu untersuchen. Beiträge unterschiedlicher Forschungslinien könnten also die Entwicklung neuer Arzneimittel vorantreiben. Dabei wird erforscht, wie die Manipulation der Darmfunktionen zur Verbesserung der Therapieoptionen eingesetzt werden kann. „Die diesjährige United European Gastroenterology Week in Barcelona findet genau zum richtigen Zeitpunkt statt, um Forschern aus dem vorklinischen und klinischen Bereich Gelegenheit zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch in diesem schnelllebigen Forschungsbereich zu bieten“, äußerte Professor Sanger abschließend.

UEGF Secretariat
UEGF Public Affairs Committee

E-mail: office@uegf.org
Internet: www.uegf.org

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