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Insulin Glargin und Krebs? Das vorgezogene Sommerloch-Thema?

Veröffentlicht am 6. Juli 2009 von Prof. Dr. Stephan Jacob

micros_nSeit ein paar Tagen stehen die Telefone nicht still, täglich kommen zig Emails und täglich brauche ich länger als eine Stunde, um beängstigte Patienten zu beruhigen!

Sowohl Lantus®-Behandelte als auch die „anderen“ wollen wissen, ob sie nun nicht doch gefährdet sind und ob es nicht besser sei, lieber höheren Zucker zu haben und dafür keinen Krebs … und dass man ja nicht mehr weiß, wem man glauben soll, und ich höre immer wieder – vielleicht nehme ich es auch etwas übertrieben wahr – den latenten Vorwurf, wir Ärzte seien doch nicht immer auf der Seite der Patienten, weil die Macht und der Einfluss der Pharmaindustrie zu viel ist… etc.

Um was geht es denn eigentlich, und… was verursacht nun alle diese Verunsicherung??
Ausgerechnet ein Institut, das man, d.h. die Politik, eingerichtet hat in der edeln Absicht, Objektivität in den Dschungel der Daten zu bringen… und QUALITÄT zu sichern!

  • Ein Wahnsinn! Das geht nur in Deutschland!

Die Zeitschrift Diabetologia widmet diesem Thema größten Raum und hat sowohl in Schweden als auch in Großbritannien um weitere Informationen gebeten, um die von der IQWiG-Gruppe aufgestellten Behauptungen zu überprüfen.

Beim Lesen der Papers wird es einem schwindelig, angesichts der vielen Statistiken… aber schauen wir uns diese alle sehr differenziert an, dann bleibt zu sagen:

Wenn Lantus® wirklich so giftig ist, dass es in einer knapp 1,5-jährigen Beobachtungszeit in Deutschland so viel Krebs verursacht, und dass IQWiG – sofort und ohne wissenschaftliche Diskussion mit Experten die Welt vor Lantus® warnen muss…, dann fragt man sich als kritischer Leser, der ja selbst auch für wissenschaftliche Zeitschriften als Gutachter dient, wieso diese Ergebnisse NICHT REPLIZIERT werden können.

Warum haben die Briten in ZWEI STUDIEN NIX GEFUNDEN, obwohl die Beobachtungszeit erheblich länger war und warum ist in Schweden allenfalls eine Assoziation mit Brustkrebs zu sehen, die die schwedischen Autoren eher dem Zufall als einem Fakt zuschieben? Liest man die Schlussfolgerung, dann kann man den Autoren nur zustimmen: we expected that an increased incidence rate of breast cancer, if present, would occur in parallel with an increased incidence rate of gastrointestinal and prostate cancer (Anm.: …durch die IGF-1 Stimulation). We found no statistically significant results for prostate or gastrointestinal cancer, which, again, strengthens the interpretation that the breast cancer results were due to random fluctuation.

Ich kann nur jedem dringend raten, selbst sein Gehirn zu benutzen und das alles sehr kritisch zu überdenken und vor allem: die vielen Arbeiten genau zu lesen.

In der Wissenschaft wird verlangt, bevor man Vermutungen nach außen gibt, dass Beobachtungen überprüft UND repliziert werden, um dann Zusammenhänge aufzudecken. Dann werden diese Befunde intensiv mit den Experten auf Kongressen diskutiert, um die klinische Bedeutung solcher Beobachtungen zu verstehen, ein Prozess, der Zeit und Gesprächsbereitschaft und Offenheit braucht. Und nicht der schnelle (und voreilige ?) Gang an die Öffentlichkeit.

An einem solchen wissenschaftlichen Vorgehen ist ausgerechnet unserem IQWiG anscheinend nicht viel gelegen. Statt dessen werden buchstäblich Hunderttausende – europaweit sicher Millionen (Patienten, Ärzte sowie Gesundheitsversorger) verunsichert, ja verängstigt! Und das mit wissenschaftlich nach der momentan vorliegenden Sachlage völlig unzureichenden Daten, die – macht man eine Gesamtanalyse aller Studien – unter dem Strich in keinster Form haltbar sind!

Dieses Vorgehen kostet die Krankenkassen durch den erhöhten Beratungsaufwand und die vorschnelle, durch die Verängstigung der Patienten und die Verunsicherung der Therapeuten bedingte Therapieumstellung, viele Millionen Euro! …

Noch viel schlimmer als das: es kostet wieder mal das Vertrauen, dass wir eine unabhängige, mit Versicherungsgeldern bezahlte Institution für Qualität und Wirtschaftlichkeit haben und den Glauben daran, dass es dem Institut von Herrn Professor Sawicki wirklich um die Wahrheit geht…

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